So bereite ich mich auf Birding und Vogelfotografie vor
- Marvin Kuhn
- Education , Naturfotografie
- 8. Oktober 2026
Inhaltsverzeichnis
Ein Vogel landet auf einem Ast, schaut einmal in die richtige Richtung und ist im nächsten Moment wieder verschwunden. Wiederholen? Unmöglich. Genau deshalb entstehen gute Vogelbilder nur selten durch Zufall. Glück gehört dazu, klar. Aber meine Touren beginnen meistens schon Tage vorher am Schreibtisch. In diesem Beitrag zeige ich euch, wie ich plane, welche Apps und Webseiten ich nutze und welches Equipment mich fast immer begleitet.
Die Planung beginnt zu Hause
eBird und Merlin Bird ID
Wenn ich nur eine einzige Plattform empfehlen dürfte, wäre es eBird. eBird und Merlin stammen beide vom Cornell Lab of Ornithology der Cornell University – und genau so fühlen sie sich auch an: wie zwei Hälften eines Werkzeugs.
Mit eBird sehe ich, welche Arten in einem Gebiet zuletzt beobachtet wurden, wie häufig sie gemeldet werden und wo sich die Sichtungen häufen. Bei einem neuen Gebiet oder einer bestimmten Zielart ist eBird fast immer meine erste Anlaufstelle. Eine Meldung von gestern heisst allerdings nicht, dass der Vogel heute noch da ist. Wildvögel halten sich nicht an Datenbanken.
Unter „Explore“ wähle ich eine Region und sehe auf einen Blick, was dort los ist. Im Aargau waren es zum Beispiel 104 Arten in den letzten sieben Tagen, verteilt auf 28 Hotspots. Vor Ort starte ich dann direkt eine Checkliste und trage ein, was ich beobachte. So gebe ich auch etwas an die Datenbank zurück.
Merlin Bird ID ist dagegen auf fast jeder Tour dabei. Die App erkennt Vogelstimmen in Echtzeit und hilft beim Bestimmen unbekannter Arten. Oft sehe ich einen Vogel gar nicht, weiss aber durch seinen Ruf, dass er in der Nähe ist. Wie viel man über die Geräusche der Umgebung lernt, hat mich ehrlich überrascht.
Die Aufteilung ist simpel: Mit eBird plane ich, wo ich suche – mit Merlin finde ich vor Ort heraus, was ich gerade höre oder sehe.
Neben der Sound-ID nutze ich in Merlin vor allem zwei Funktionen: Unter „Explore“ zeigt die App, welche Arten an meinem Standort zu dieser Jahreszeit zu erwarten sind. Und in der Life List landet jede Art, die ich bestimmt habe, mit Ort und Datum. Mit der Zeit wird daraus ein kleines Birding-Tagebuch.
Nicht alles Gold, was glänzt: Merlin liegt nicht immer richtig. Bei Wind, Verkehrslärm oder Arten, die andere Vögel imitieren, schlägt die App gerne mal etwas Falsches vor. Ich nehme die Vorschläge deshalb als Hinweis, nicht als Bestimmung. Und bei eBird werden die Fundorte sensibler Arten bewusst verborgen – zu Recht, denn Störungen an Brutplätzen sind ein echtes Problem.
BirdingPlaces
Während mir eBird zeigt, was aktuell beobachtet wird, nutze ich BirdingPlaces, um neue Spots zu entdecken. Die Plattform beschreibt Beobachtungsorte und gibt einen ersten Eindruck vom Gebiet – auf Reisen ideal, um schon vorab interessante Orte herauszusuchen.
Auf der Karte lassen sich die Gebiete nach Entfernung, Land oder Zielart filtern. Jedes Gebiet hat eine eigene Seite mit Beschreibung, typischen Arten und praktischen Details wie Zugang, Habitat und bester Beobachtungszeit.
BirdWeather
Eine Ressource, die ich immer häufiger öffne, ist BirdWeather. Automatische Aufnahmestationen zeichnen Vogelstimmen auf und analysieren sie. So sehe ich teilweise schon vor dem Besuch, welche Arten in einem Gebiet aktiv sind. Der Haken: Das funktioniert nur dort, wo auch jemand eine Station betreibt.
Auf der Karte sieht man, wie dicht das Netz in Teilen Europas schon ist. Pro Station zeigt die App die letzten Erkennungen samt Uhrzeit und Trefferwahrscheinlichkeit.
PhotoPills
PhotoPills nutze ich seit Jahren für die Landschaftsfotografie, mittlerweile aber auch fürs Birding. Habe ich einen bestimmten Ansitzplatz im Kopf, prüfe ich Sonnenstand und Lichtrichtung und weiss so ungefähr, wann dort gutes Licht zu erwarten ist. Ein Vogel kann noch so schön sein, liegt der Hintergrund im Schatten oder kommt das Licht von einer ungünstigen Richtung, wird es schwierig. Im Planner sehe ich direkt auf der Karte, aus welcher Richtung die Sonne zu welcher Uhrzeit kommt und wann sie auf- und untergeht.
Scouting – nicht jede Tour dient zum Fotografieren
Nicht jede Tour hat das Ziel, möglichst viele brauchbare Bilder nach Hause zu bringen. In einem neuen Gebiet lasse ich ein grossteil meines Equipment zuhause. Stattdessen lerne ich den Lebensraum kennen: Sitzwarten, Wasserstellen, mögliche Flugrouten und natürlich das Licht. Gleichzeitig überlege ich, wo später ein Tarnzelt stehen könnte oder wo ich mich mit einem Tarnponcho verstecken könnte und welche Position einen ruhigen Hintergrund ergibt.
Das Fernglas ist dabei mein wichtigstes Werkzeug. Damit suche ich einen grossen Bereich viel schneller ab, als wenn ich ständig mit 600 mm durch den Sucher schaue. Viele Orte besuche ich deshalb mehrmals, bevor ich dort überhaupt gezielt fotografiere.
Mein Birding-Equipment
Mein Setup hat sich über die Jahre immer wieder verändert und ich passe es an jede Tour an. Wenn ich mehrere Stunden an einem Ort sitze, sieht es anders aus als auf einer langen Wanderung, bei der jedes Gramm zählt.
Kamera und Objektive
Meine Hauptkamera ist aktuell die Sony A1 II, meistens in Kombination mit dem Sony FE 200-600mm f/5.6-6.3 G OSS. Bei kleinen oder weit entfernten Vögeln ist die Reichweite ein grosser Vorteil, und der schnelle Autofokus und die hohe Serienbildrate helfen bei unvorhersehbaren Motiven enorm.
Will ich leichter unterwegs sein oder längere Strecken zurücklegen, greife ich teilweise zum Sony FE 100-400mm f/4.5-5.6 GM OSS. Wenn ich aktiv nach Vögeln suche und noch keinen Ansitzplatz im Kopf habe, ist es das angenehmere Objektiv. Welches mitkommt, entscheide ich meistens erst kurz vor der Tour.
Wie sich beide in der Praxis schlagen, habe ich ausführlich beschrieben:
Stativ und Gimbal
Bei längeren Ansitzen will ich das Gewicht nicht stundenlang in den Händen halten. Deshalb arbeite ich meistens mit dem Leofoto LS-325C und dem Leofoto PG-1 Gimbal. Mit dem 200-600mm lässt sich das Objektiv damit schnell und flüssig bewegen, während das Stativ das Gewicht trägt. Bin ich dagegen ständig unterwegs, bleibt das Stativ auch einmal zu Hause.
In Zukunft plan ich noch die Anschaffung eines Monopods, um das Gewicht noch weiter zu reduzieren. Das ist vor allem bei Wanderungen und Scouting praktisch, wenn ich nicht jedes Mal das Stativ aufstellen will. Ein Monopod ist leichter, schneller einsatzbereit und bietet trotzdem eine gewisse Stabilität.
Fernglas
Mindestens so wichtig wie die Kamera: ein gutes Fernglas. Aktuell begleitet mich ein Zeiss Conquest HD. Beim Scouting will ich nicht jedes Mal die Kamera auspacken, nur um einen Vogel in der Ferne zu überprüfen. Mit dem Fernglas suche ich die Umgebung schneller ab und beobachte das Verhalten, ohne gleich zu fotografieren.
Tarnung
Je nach Art und Situation kommt mein Tragopan Tarnzelt oder ein Tarnnetz mit, vor allem dann, wenn ich schon weiss, wo ich fotografieren will, und länger an einem Ort bleibe. Bei scheuen Arten macht das viel aus, und ich kann die Tiere lange beobachten, ohne mich ständig bewegen zu müssen. Der Nachteil: Ein Tarnzelt ist zusätzliches Gewicht und Volumen. Für spontane Touren ist es deshalb meistens zu viel.
Die Sommergoldhähnchen aus meinem 200-600mm-Bericht sind zum Beispiel mit Tarnnetz entstanden: im Wald zwischen toten Bäumen, während der Brutzeit. Die Vögel wechselten ständig zwischen den Ästen und sangen zur Partnersuche, ohne sich an mir zu stören.
Sitzgelegenheit
Wer schon einmal stundenlang auf einen Eisvogel oder Specht gewartet hat, weiss, wie wichtig ein bequemer Sitzplatz ist. Deshalb ist fast immer ein Walkstool dabei: klein zusammengefaltet, leicht und kaum spürbar im Gepäck. Im Tarnzelt bin ich jedes Mal froh, nicht auf dem Boden sitzen zu müssen.
Die kleinen Dinge, die den Unterschied machen
Neben Kamera, Objektiven und Stativ landen einige Dinge mittlerweile automatisch im Rucksack:
- Cotton Carrier Tragesystem
- Ersatzakkus und Powerbank
- Mückenspray und Sonnenschutz
- Getränke und Snacks
- Isomatte
- Schweizer Taschenmesser
Spannend ist das alles nicht – aber auf langen Touren unverzichtbar. Mückenspray und Sonnenschutz vermisst man meistens erst, wenn man sie nicht dabei hat. Und wer will schon wegen Hunger oder Durst früher nach Hause, als der Vogel sich zeigt?
Das Cotton Carrier hatte ich im 200-600mm-Beitrag noch im Test und bin momentan das Tragesystem in unterschiedlichen Situationen am Ausprobieren. Was ich schon sagen kann: Es ist deutlich angenehmer, als ein Kameragurt.
Auch Powerbank und Ersatzakkus gehören zur Grundausstattung. Mein Smartphone ist mit eBird, Merlin, BirdWeather und PhotoPills inzwischen ein fester Teil meiner Ausrüstung, entsprechend ärgerlich wäre ein leerer Akku im falschen Moment.
Geduld schlägt Technik
So wichtig gutes Equipment ist: Die beste Kamera ersetzt keine Geduld.
Ich verbringe häufig mehr Zeit mit Beobachten als mit Fotografieren. Welche Äste bevorzugen die Tiere? Wann gehen sie auf Nahrungssuche? Aus welcher Richtung fliegen sie meistens an? Je besser ich das Verhalten einer Art kenne, desto eher sehe ich den richtigen Moment kommen.
Manchmal passiert eine Stunde lang gar nichts und dann sitzt der Vogel plötzlich für ein paar Sekunden genau dort, wo man ihn haben will, dann muss man natürlich bereit sein. Viele meiner Lieblingsbilder sind deshalb nicht beim ersten Besuch entstanden, sondern erst nach Stunden oder mehreren Anläufen.
Das beste Beispiel ist meine Bachstelzen-Serie. Über mehrere Wochen verbrachte ich viele Nachmittage mit ihnen und konnte sogar die Aufzucht der Küken miterleben. Mit der Zeit gewöhnten sich die Tiere an mich, sodass ich ohne Tarnung näher herankam. Die Fütterungsszenen und die zwei flüggen Küken nebeneinander wären bei einem einzigen Besuch nie entstanden.
Fazit
Birding und Vogelfotografie sind für mich weit mehr als eine Kamera mit langem Tele. Die Vorbereitung beginnt zu Hause: aktuelle Beobachtungen checken, Orte suchen, Wetter und Licht prüfen und dann entscheiden, welche Ausrüstung wirklich mit muss. Vor Ort geht es mindestens so sehr ums Beobachten wie ums Fotografieren. Je besser ich Umgebung und Verhalten der Tiere kenne, desto eher erwische ich die wenigen Momente, in denen ein gutes Bild möglich ist.
Das ist mein persönlicher Workflow und die Ausrüstung, die sich für mich bewährt hat. Vielleicht ist die eine oder andere Ressource dabei, die ihr noch nicht kanntet. Und falls ihr einen Tipp habt, den ich unbedingt ausprobieren sollte: Lasst es mich wissen!